
39 Grad in der Schweiz: Die Alpen tauen, die Kraftwerke stoppen

Das Kernkraftwerk Beznau hat am Freitag beide Reaktoren vom Netz genommen. Die Wassertemperatur der Aare lag über 25 Grad. Axpo musste die Anlage stilllegen, weil sonst zu viel Wärme in den Fluss gelangt wäre. Die Reaktoren bleiben abgeschaltet, bis die Aare wieder kühler wird und das Bundesamt für Energie die Wiederinbetriebnahme genehmigt.

Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat, kurz ENSI, sieht in der Abschaltung von Beznau kein Sicherheitsproblem. Die Einschränkung dient allein dem Schutz der Flussökologie. Beznau ist das einzige Schweizer Kernkraftwerk ohne Kühltürme. Es kühlt direkt mit Wasser aus der Aare. Bei hohen Flusstemperaturen stößt diese Bauweise schnell an ihre Grenzen.
Die derzeitige Hitze in der Schweiz erreicht in manchen Regionen Werte von bis zu 39 Grad, wie gestern in Basel gemessen. Solche Temperaturen haben direkte Auswirkungen auf die Alpen. Die Nullgradgrenze liegt zeitweise über 5000 Metern, sodass ein großer Teil der Gletscherflächen durchgehend taut. Auch höhere Lagen, die normalerweise noch Schnee halten, sind betroffen.
Der Winter brachte noch genügend Schnee. Dieser Schnee wirkt in den ersten Tagen einer Hitzewelle als Schutzschicht. Hält die Hitze jedoch an, verschwindet der Schnee schnell. Der darunterliegende dunkle Gletschereis liegt frei und nimmt mehr Sonnenwärme auf. Die Schmelze beschleunigt sich dadurch.
Die hohen Temperaturen treffen auch die Stromproduktion. In der Schweiz und in Frankreich müssen Kraftwerke, die Flusswasser zur Kühlung benötigen, die Leistung drosseln oder ganz herunterfahren. Gleichzeitig steigt der Stromverbrauch durch Klimaanlagen. Die Netze verlieren Erzeugung, während der Bedarf hoch ist.
Später im Sommer kann das Wasser in den großen Flüssen knapp werden. Nach einer ersten Phase mit viel Schmelzwasser sinken die Pegel, wenn die natürlichen Speicher leer sind. Die Schifffahrt auf Rhein und Donau leidet dann unter niedrigen Wasserständen. Fracht muss reduziert werden, die Kosten steigen.
Gleichzeitig wächst die Gefahr von Waldbränden in Südeuropa. Trockene Böden und Vegetation bieten ideale Bedingungen für Feuer.
Wenn die Hitzephase endet und kühlere Luft einströmt, entstehen häufig starke Gewitter. Ausgetrocknete Böden können das Wasser nicht mehr aufnehmen, was Sturzfluten, Überschwemmungen und in den Alpen Muren begünstigt. In höheren Lagen taut der Permafrost auf und erhöht die Gefahr von Felsstürzen.
Dürre führt zu geringeren Ernten, weil Getreide, Kartoffeln und Gemüse weniger Wasser zur Verfügung haben. Die Erträge sinken und die Qualität verschlechtert sich. Viele Bauern stehen zudem unter Druck, weil der Konflikt in Iran die Düngerpreise deutlich erhöht hat.
Wegen der anhaltenden Hitze und Trockenheit rufen immer mehr Gemeinden in der Schweiz zum Wassersparen auf. Besonders in den Kantonen Aargau, Bern, Zürich und Basel-Land steigt der Trinkwasserverbrauch stark, während die Grundwasserpegel sinken.
Einige Gemeinden haben bereits Verbote erlassen. Das Gießen von Rasen, das Befüllen von Pools und das Autowaschen mit Trinkwasser sind vielerorts untersagt. Nutzgärten dürfen teilweise nur noch mit der Gießkanne bewässert werden, bei Verstößen drohen Bussen bis 2000 Franken.
Das Bundesamt für Umwelt rechnet damit, dass weitere Gemeinden und Kantone in den kommenden Wochen ähnliche Einschränkungen einführen werden, um den stark gestiegenen Wasserverbrauch durch die Hitze zu begrenzen und eine Versorgungsknappheit zu verhindern.

Die Abschaltung von Beznau zeigt, wie eng diese Entwicklungen zusammenhängen. Die Alpen verlieren bei anhaltender Hitze ihre Fähigkeit, Temperaturen auszugleichen und Wasser zu speichern. Was als lokales Problem eines Kraftwerks beginnt, hängt mit Veränderungen zusammen, die weiter reichen – von der Stromversorgung über die Flussschifffahrt bis zu Naturgefahren.
Axpo prüft laufend die Temperatur der Aare. Ein Wiederanfahren ist erst möglich, wenn die Bedingungen es erlauben.
Keine Besserung in Sicht: Hitzewelle trifft Schweiz und Österreich gleichermaßen – Kraftwerke, Flüsse und Gletscher unter Druck
Auch im benachbarten Österreich hat die Hitzewelle inzwischen dramatische Ausmaße angenommen. Das Land kämpft vor allem mit stark sinkenden Wasserständen der Donau und einer extrem beschleunigten Gletscherschmelze in den Alpen.
Im Osten steigen die Temperaturen teilweise auf bis zu 40 Grad, und die Pegel der Donau liegen bereits so niedrig, dass die Schifffahrt mit Einschränkungen rechnen muss. Die österreichischen Gletscher verlieren derzeit massiv an Masse, weil die schützende Schneedecke rasch verschwindet und das dunkle Eis mehr Sonnenstrahlung absorbiert.
Die Lage in Österreich ist damit keineswegs besser als in der Schweiz. Zwar gibt es dort keine Atomkraftwerke, die abgeschaltet werden müssen, doch die Auswirkungen der Hitze auf den Wasserhaushalt, die Wasserkraft und die Waldbrandgefahr sind ähnlich gravierend.
Die Donau führt bereits jetzt weniger Wasser als üblich, und die extremen Temperaturen belasten nicht nur die Bevölkerung, sondern auch Landwirtschaft und Infrastruktur. In beiden Ländern verlieren die Alpen zunehmend ihre Funktion als natürlicher Wasserspeicher und Temperaturregulator für Mitteleuropa.
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