Meinung

Macron – Die Ukraine-Kapriolen eines gescheiterten französischen Präsidenten

Macron möchte unbedingt als französischer Präsident in die Geschichtsbücher eingehen, der etwas Bedeutendes getan hat. Irgendetwas – egal was. Aber wie steigert ein als Politiker daherkommendes Wiesel seine Popularität, wenn die ganze Welt in ihm einen Feigling und einen Lügner sieht?
Macron – Die Ukraine-Kapriolen eines gescheiterten französischen PräsidentenQuelle: AFP © Ludovic Marin

Von Martin Jay

Was dachte sich Emmanuel Macron bei seinem jüngst veranstalteten Medienrummel, mit dem er die Aufmerksamkeit der Welt erregt hat? Anfangs dachten wir alle, seine Äußerungen über die Entsendung französischer Truppen in die Ukraine zum Kampf gegen die russischen Streitkräfte seien lediglich heiße Luft, die man herausblasen kann, um Journalisten und eine leichtgläubige französische Öffentlichkeit von den Fakten an der Front in der Ostukraine abzulenken. Tatsächlich hat er damit Deutschland verunsichert, woraufhin man sich in Berlin gezwungen sah, Macron umgehend zu antworten und ihn daran zu erinnern, dass sich die Staaten der EU nicht "im Krieg mit Russland" befänden.

Eine merkwürdige Antwort, wenn man bedenkt, dass nur eine Woche zuvor eine durchgesickerte Audioaufnahme einer Telefonkonferenz zwischen deutschen Luftwaffenoffizieren an die Öffentlichkeit geriet, in der die Möglichkeiten erörtert wurden, heimlich Marschflugkörper vom Typ Taurus in die Ukraine zu schicken, um damit die Brücke bei Kertsch zu bombardieren, die das russische Festland mit der Krim verbindet. Da wir nun alle wissen, welche Absichten die deutschen Militärs verfolgen, war Scholz natürlich gezwungen, einen Salto rückwärts hinzulegen, den Skandal herunterzuspielen und an einer neutralen deutschen Position festzuhalten.

Aber wenn man das schon lustig findet, dann sollte man abwarten und beobachten, was Macron für das gute alte Europa sonst noch bereithält. Kann es sein, dass er wirklich glaubt, dass französische Truppen in der Ukraine anlanden könnten? Ein kurzer Blick auf das eigentliche Zitat aus dem Interview mit der französischen Zeitschrift Le Parisienne lässt das Gegenteil vermuten und annehmen, dass er sich auf der sicheren Seite wähnt. Oder aber Macron versucht – wie nicht wenige vermuten –, die USA dazu zu bringen, zuerst dort anzulanden.

"Vielleicht müssen wir irgendwann – was ich nicht will und womit ich auch nicht die Initiative ergreifen werde – Operationen vor Ort durchführen müssen, wie auch immer diese aussehen mögen, um den russischen Streitkräften entgegenzuwirken", wird Macron zitiert. Es scheint also, als ob er falsch zitiert wurde, da hier keine wirkliche Schlagzeile vorliegt. Sogar Macron selbst gab zu Protokoll, dass er einen solchen Einsatz nicht genehmigen werde. Er deutete somit vielmehr an, dass andere westliche Länder die Führung übernehmen sollen. Vielleicht die Polen, die Litauer oder die Letten? Möglicherweise.

Doch in Wirklichkeit wäre das wahrscheinlichste Szenario, dass die USA in den sauren Apfel beißen und eine Privatarmee aus verschiedenen Nationalitäten zusammenwürfeln und finanzieren müssten. Doch selbst diese Initiative müsste für die westlichen Medien und sogar für Russland selbst erst aufbereitet werden, damit die Kernaussage deutlich bleibt: Dies sei kein Krieg der NATO gegen Russland. Dieser Gedanke ist natürlich völlig krude, da er auf der Annahme basiert, dass Putin es nicht wagen würde, Vergeltungsmaßnahmen gegen Truppeneinheiten zu ergreifen, von denen er weiß, dass sie sich an einem bestimmten Ort befinden, weil dies den Artikel 5 der NATO-Charta auslösen könnte.

Doch selbst jeder unbedeutende geopolitische Schreiberling, der Putin halbwegs kennt, weiß, dass ihn dies nicht aufhalten würde, da die Ausschaltung westlicher Truppen – oder noch besser die Gefangennahme einer gewissen Anzahl dieser Truppen – das Ende der Intervention des Westens bedeuten würde. Der Westen verfügt über Technologie und gut ausgebildete Soldaten. Was ihm aber fehlt, sind die Ausdauer und der politische Mut, sich der Welle des Entsetzens zu stellen, sobald westliche Soldaten in zahllosen Leichensäcken wieder auf heimischem Boden ankommen. Für Macron könnte dies durchaus bedeuten – falls er an französische Truppen in der Ukraine denken sollte –, dass diese Leichensäcke mit afrikanischen Soldaten aus den ehemaligen französischen Kolonien gefüllt wären, die man im Rahmen privater Verträge als Söldner rekrutieren könnte.

Aber wie ich 1993 in Somalia beobachten konnte, gelang es westlichen Staatsoberhäuptern wie Bill Clinton keineswegs, den Mut für den Fall aufzubringen, dass auch nur ein kleiner Teil der eigenen Leute getötet oder gefangen genommen wird. Osama bin Laden sah zu, wie Clinton sich beinahe in die Hose machte, als bei einem spektakulären Scheitern der US-Truppen in Mogadischu, bei einer Operation, die eigentlich eine Stunde hätte dauern sollen, 18 US-Soldaten ihr Leben ließen. Die unter dem Namen "Black Hawk Down" bekannt gewordene Operation und ihre Auswirkungen inspirierten Bin Laden dazu, die US-Botschaften in Daressalam und in Nairobi zu bombardieren, nachdem er begriffen hatte, wie verwundbar der Westen im Kampf gegen den Terrorismus ist – oder wie er einfach nur seine Nase in die Probleme anderer Länder steckt.

Alles, was dazu nötig war, war ein Bericht von Newsweek darüber, wie die Leiche eines US-Soldaten von den "Rebellen" durch die Straßen von Mogadischu geschleift wurde. Dies bewegte Clinton nicht nur zum vollständigen Rückzug aus Somalia, sondern überzeugte auch die UN selbst, im Jahr 1995 ihre Zelte in dem Land abzubrechen. Ein toter US-Soldat und eine Titelgeschichte in Newsweek reichte dafür aus. Das führte zudem dazu, dass der Westen den Hunderttausenden Opfern des Bürgerkriegs in Ruanda, der 1994 zu einem regelrechten Völkermord führte, nicht beistand.

Die Idee, westliche Truppen in die Ukraine zu entsenden, ist eine Fehleinschätzung und stellt nicht zuletzt einen weiteren umwerfenden Irrtum westlicher Staatslenker dar, die damit zu kämpfen haben, einen verlorenen Krieg in der Ukraine zu verdauen. Aber wenn Macron nur etwas Medienpräsenz brauchte oder etwas, um die Franzosen von den kitschigen Presseberichten darüber abzulenken, ob seine Frau in Wahrheit ein biologischer Mann sei, dann würde das bestens ins Bild passen.

Wir sollten uns daran erinnern, dass Macron in seinen vergangenen drei Amtsjahren als Präsident Frankreichs alles Mögliche getan hat, um als Präsident in die Geschichtsbücher einzugehen, der etwas Bedeutendes getan hat. Irgendetwas – egal, was. Deshalb erfindet seine Medienmeute eine Reihe von Geschichten, die sich an diejenigen richten, die Geschichtsbücher schreiben, um sie Macron gegenüber freundlich zu stimmen und ihn so darzustellen, als hätte er während seiner Amtszeit nicht mindestens drei Staaten der Subsahara-Zone an Russland verloren, nur wegen seiner unglaublichen Arroganz und dem Glauben an die Bedeutung einer französischen Republik in Afrika, wie sie vor 50 Jahren war.

Wie steigert ein als Politiker daherkommendes Wiesel seine Popularität, damit es eher wie ein Mann aussieht als seine Frau, wenn die ganze Welt in ihm einen Feigling, einen gescheiterten Staatsmann und einen Lügner sieht? Man macht selbstverständlich eine Fotoserie, in der Macron in einem Fitnessstudio dabei zu sehen ist, wie er auf einen Boxsack einschlägt! Voilà.

Ersterscheinung in englischer Sprache auf Strategic Culture Foundation.

Martin Jay ist ein preisgekrönter britischer Journalist mit Wohnsitz in Marokko, wo er als Korrespondent für die britische Daily Mail (UK) arbeitet. Zuvor berichtete er von dort aus für CNN und Euronews über den Arabischen Frühling.

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