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Die übersehene Krise: Arbeitsmigranten in den Golfstaaten

Bis zu 35 Millionen Arbeitsmigranten sorgten dafür, dass die glitzernden Urlaubsparadiese am Persischen Golf funktionierten. Sie bedienten in den Hotels, bauten die Wolkenkratzer und arbeiteten in den Häfen. Jetzt fehlt ihnen nicht nur die Arbeit.
Die übersehene Krise: Arbeitsmigranten in den Golfstaaten© aus sozialen Medien

Die übliche Berichterstattung über den fehlenden Schiffsverkehr am Persischen Golf blickt vor allem auf die Exporte aus den Golfstaaten. Es gibt aber auch noch die andere Seite: all diese Staaten sind bei der Versorgung mit Lebensmitteln zu 70 bis 90 Prozent auf Importe angewiesen, die überwiegend per Schiff erfolgen – und nun bereits seit Anfang März nicht mehr erfolgt sind.

Die Konsequenzen für die Lebensmittelpreise sind spürbar, insbesondere bei Frischwaren. Dort sind sie um 30 bis 100 Prozent gestiegen. Auch Grundnahrungsmittel wie Reis, Weizen und Speiseöl sind teilweise bereits um 50 Prozent teurer geworden, insbesondere in Bahrain und Kuwait. Bei den Frischwaren macht sich bemerkbar, dass die Kosten für Luftfracht deutlich gestiegen sind.

Nun, mag man denken, die Golfstaaten sind schließlich reich. Und sie haben nach dem massiven Handelseinbruch in der Finanzmarktkrise, der auch ihre Versorgung beeinträchtige, die Konsequenz gezogen und große Lebensmittelvorräte angelegt, die von zwei bis vier (wie in Bahrain) bis zu sechs Monaten (Saudi-Arabien, Katar und VAE) reichen. Wobei man nicht vergessen darf, dass diese Vorräte bereits jetzt genutzt werden.

Sie sind sogar tatsächlich auf die gesamte Bevölkerung berechnet und nicht nur auf die eigenen Staatsbürger. In den Golfstaaten leben insgesamt etwa 35 Millionen Arbeitsmigranten. Die Hauptherkunftsländer sind die Phillippinen, Indien und Pakistan.

Aber allein die Tatsache, dass noch für einige Zeit Vorräte vorhanden sind, verhindert nicht, dass viele dieser Arbeitsmigranten bereits jetzt in akute Not geraten. Denn vielfach haben sie aktuell kein oder nur ein sehr verringertes Einkommen – die Häfen arbeiten ebenso wenig wie die Hotels oder die Gastronomie, die in manchen Gegenden sehr umfangreich war. Human Rights Watch schickte bereits Ende März einen Rundbrief an die Golfstaaten und forderten Notmaßnahmen für die betroffenen Arbeitskräfte, erhielt aber nach eigenen Angaben keine Antwort.

Die Arbeitsmigranten in den Golfstaaten unterliegen einem System, das Kafala genannt wird. Dabei ist ihr Aufenthaltsrecht absolut an einen Arbeitgeber gekoppelt, der meist auch den Pass einzieht und ohne dessen Genehmigung sie daher das Land auch nicht wieder verlassen oder sich eine andere Arbeit suchen können. Gleichzeitig sind die Pflichten der Arbeitgeber gegenüber ihren Arbeitern sehr beschränkt, was Arbeitsunterbrechungen betrifft, für die die Arbeiter nichts können. Gesetzlich sind sie in einigen Ländern zwar verpflichtet, Mahlzeiten oder eine Essenszulage zu stellen, aber bei den erhöhten Preisen genügt das nicht, und bei unbezahltem Urlaub oder Arbeitslosigkeit gibt es keinerlei Absicherung.

Einige der Herkunftsländer haben inzwischen Maßnahmen ergriffen, um ihre Landsleute zu unterstützen. Vor allem die Philippinen und Indien stechen dabei hervor.

Die Philipinnen haben zwar mit etwa 1,2 Millionen Arbeitsmigranten vor allem in den Emiraten und Saudi-Arabien vergleichsweise wenige Bürger in den Golfstaaten und mit etwa 4.600 noch nicht allzu viele repatriiert, aber sie sorgen für die Verteilung von Nahrungsmittelpaketen, geben finanzielle Soforthilfen bei Einkommensausfall und auch psychosoziale Betreuung über die Botschaft, und auch nach der Rückkehr gibt es ein Auffangnetz.

Indien hat acht bis neun Millionen Bürger in diesen Staaten. Der Schwerpunkt der indischen Regierung liegt auf Evakuierung – bisher wurden bereits 572.000 aus Westasien ausgeflogen, die meisten davon aus der Golfregion. Vorrang haben dabei Arbeiter ohne Einkommen, Familien mit Kindern und Seefahrer. Auch hier werden vor Ort, über die indische Gemeinde, Lebensmittelpakete verteilt, beispielsweise an Fischer in Katar. Die Evakuierung soll weiter fortgesetzt werden.

Noch schwieriger sieht es allerdings für die Arbeitsmigranten aus anderen Ländern aus. Auch aus Bangladesch sind sieben bis neun Millionen Arbeitsmigranten in den Golfstaaten. Aber große organsierte Rückführungen gibt es ebenso wenig wie systematische Verteilung von Lebensmittelhilfen. Auch in Bangladesch selbst gibt es im Falle der Rückkehr keine weitere Unterstützung.

Ähnlich sieht es bei Pakistan aus, das auch acht bis neun Millionen seiner Bürger als Arbeitsmigranten an den Persischen Golf entsandt hat. Es gibt keine Unterstützung bei der Rückkehr, und die Hilfe der Botschaft beschränkt sich auf besonders gefährdete Gruppen wie Kranke oder Frauen mit Kindern. Nahrungsmittelhilfe gibt es nur privat organisiert.

Auch das deutlich kleinere Nepal, das immerhin bis zu zwei Millionen Bürger in den Golfstaaten hat, kann sich kaum größere Unterstützungsmaßnahmen leisten. Wie Pakistan und Bangladesch setzt es vor allem auf diplomatische Appelle an die Regierungen am Golf. Der Himalayastaat ist besonders stark auf die Überweisungen seiner Arbeitsmigranten angewiesen – sie tragen bis zu 25 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei.

In Summe können sich also bestenfalls die Inder und die Filipinos auf Unterstützung durch ihre Regierung verlassen; auf die Regierungen der Golfstaaten selbst können die Arbeitsmigranten nicht setzen. Selbst wenn die Vorräte an sich noch einige Zeit genügen könnten – die Preise steigen schon jetzt so, dass viele der Migranten sie nicht zahlen können.

Sie sind die unbeteiligten Gefangenen des Konflikts. Ebenso wie die etwa 20.000 Seeleute, die immer noch auf den Schiffen im Golf ausharren müssen. Eine Evakuierung oder ein Wechsel der Besatzungen ist ebenso erschwert wie die Versorgung. "Das ist keine abstrakte geopolitische Krise – das ist eine menschliche Krise", erklärte Lydia Ferrad von der Internationalen Transportarbeitervereinigung (ITF). "Seeleute wurden getötet. Andere wurden verwundet. Tausende sind an Bord der Schiffe gestrandet, unter Bedingungen von Furcht, Erschöpfung und Ungewissheit."

Hier ist das größte Problem das Trink- und Brauchwasser, das auf einigen Schiffen zur Neige geht. Bisher wurden Schiffe nur vorübergehend bei direkten Angriffen verlassen; aber wenn sich die Lage weiter verschärft, ist nicht auszuschließen, dass sie die Schiffe aufgeben müssen.

Während der Blick weitgehend auf die Treibstoffversorgung und deren Folgen gerichtet ist, entwickelt sich bei Seeleuten und Arbeitsmigranten eine humanitäre Katastrophe.

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